Visionär adé – Wie Google zu einem Microsoft 2.0 wird

Verfasst am 11. März 2015 von .

Was für Microsoft das Betriebssystem ist, ist für Google die Suchmaschine. Die Konzentration auf ein einziges Zugpferd birgt aber auch Gefahren. Bill Gates könnte sicherlich ein Lied davon singen. Das Gefühl, dass Google den Status des “Wir können alles!”-Unternehmens allmählich verliert, habe ich nicht erst seit der Einstellung von Google Helpouts. Die Konzentration auf das Suchmaschinengeschäft scheint jegliche Innovation in anderen Bereichen seit Jahren zu eliminieren. Viele Ideen werden nur halbherzig angegangen und schlussendlich beendet.

Trügt der Schein oder ist Google auf dem Weg zu einem Microsoft 2.0? Früher Vorreiter, heute stiller Beobachter mit Fokus auf’s Kerngeschäft. Der Vergleich mit der Konkurrenz liegt nahe, wie beispielsweise zu Amazon oder Facebook. Fire, Kindle, Echo – Hardware von Amazon oder bald die VR-Brille Oculus Rift mit Facebook-Brand? Nicht allein die Produkte und Dienste, sondern die Art und Weise wie mit ihnen vor dem finanziellen Durchbruch umgegangen wird, unterscheidet Google von der jetzigen Konkurrenz.

Video-Beratung ist hip!

Mit der Einstellung von Google Helpouts gibt man wieder etwas auf, dass ohne viel Liebe überraschenderweise keinen Erfolg gebracht hat. Im November 2013 gestartet, wird der Dienst im April eingestellt. Grund dafür? Die Nutzerzahlen sind nicht so schnell gewachsen, wie gewünscht.

Google: The Helpouts community includes some engaged and loyal contributors, but unfortunately, it hasn’t grown at the pace we had expected.

Paradox, da die persönliche Beratung über das Internet doch gerade erst Fahrt aufnimmt. So wünschen sich einer aktuellen TNS Infratest Studie zu Folge mehr als 50 Prozent aller Verbraucher eine Skype-Beratung mit ihrem Versicherungsvertreter. Und auch Curated Shopping Anbieter wie Kisura zeigen, dass der direkte Draht zum Kunden durch Videotelefonie durchaus genutzt wird. Naja, immerhin kann Google noch auf YouTube zurückgreifen. Hier ist die Auswahl an How-To- und Tutorial-Videos schier unbegrenzt. Doch auf den einzelnen Kunden eingehen, wie es Helpouts getan hat, können die Videos auf YouTube nicht. Google verpasst hier eine zukunftsträchtige Chance, weil diese nicht schnell genug zur Cashcow geworden ist.

Wer kennt noch Google Wave?

Alles halb so schlimm, wäre es das erste Projekt, das Google nur mit wenig Enthusiasmus angetrieben hätte. Als unbescholtener Schüler der Oberstufe habe ich 2009 und 2010 vor allem ein Google-Projekt verfolgt: Google Wave. Schließlich versprach der Dienst nicht weniger als die Revolution im Planen von Events und Meetups. Man startete eine Wave, der man alles mögliche anhängen konnte, wie beispielsweise einen Maps-Standort, diverse Dateien, Wiki-Artikel oder E-Mails. Google Drive meets Social Media – so ließe sich Wave im Nachhinein beschreiben.

Zwar hatte Facebook 2009 schon 305 Millionen Mitglieder, doch Social Media war lediglich ein Hype-Thema und noch lange nicht im Mainstream verankert. Die Meinung im Bekanntenkreis war, dass auch Facebook wie die VZ-Netzwerke zu dieser Zeit verschwinden wird – weit gefehlt. Auch die Vorstellung, dass man seine Daten in einer Cloud im Internet ablegt, war den meisten suspekt, ist aber heute Normalität. Google Wave scheiterte somit 2010 auf Grund fehlender Nutzer – Déjà-vu?

Google ist kein Startup mehr

Wieso der fehlende Enthusiasmus? Intern scheint Google zwar noch wie ein Startup zu funktionieren, wie Umfragen zum weltweit besten Arbeitgeber oder der inoffizielle Werbefilm “The Internship” zeigen, doch die Strategie hat mit einem Startup nur noch wenig zu tun. Was nicht beim ersten Anlauf klappt, wird fallengelassen. Andere Unternehmen geben sich da keine Blöße. Bestes Beispiel ist das Fire Phone von Amazon: Der Flop des Smartphones sei dem Größenwahn von Jeff Bezos zuzuschreiben. Aber ist es nicht gerade diese Hybris, die neue Ideen vorantreibt?

Einzig Google+ ist augenscheinlich ein Projekt, dass Google immer noch nicht aufgegeben hat, obwohl es gegen die direkten Konkurrenten Facebook, Twitter und Co. nicht ankommt. Das soziale Netzwerk war aber auch nie eine innovative Idee, wurde es doch erst 2011 als späte Antwort gestartet.

TechCrunch:We’ve heard Google has not yet decided what to do with the teams not going to Android, and that Google+ is not “officially” dead, more like walking dead.

Nest, Ara und Glass

Die Fortsetzung weiterer Projekte, wie beispielsweise eben Wave oder Helpouts, wäre aus meiner Sicht ebenfalls wünschenswert gewesen. Und Auch bei der Technologie von Morgen sind einige Projekte dabei, die Google unbedingt fortsetzen sollte. Dazu zählt für mich Nest: Die Smart Home Lösung wird in einigen Jahren wahrscheinlich mit Amazons Echo um die Steuerung von Raumtemperatur und Stereoanlage konkurrieren.

Oder das Ara-Projekt, bei dem man ein Smartphone durch unterschiedliche Module nach eigenen Wünschen anpassen kann. Und dann wäre da ja noch Google Glass, dessen Ende der Beta-Phase manche als Ende des Projektes an sich interpretierten. Der Suchmaschinenriese scheint sich zumindest im Hardware-Bereich sicher zu sein, was die Mehrheit in der Zukunft will: Nest, Ara, Glass, Self-Driving Cars, Chromebooks – die Liste ist lang, was sich letztendlich durchsetzt oder was Google wieder einstampft, wird sich zeigen.

Abhängig vom Next Big Thing

Dass Google trotz diverse Abschreibungen in trockenen Tüchern ist, möchte ich mit diesem Artikel gar nicht anzweifeln. Doch es gibt Parallelen zu Microsoft, die beispielsweise glorreich den Smartphone/Tablet-Trend verschliefen und jetzt hoffnungslos hinterherlaufen, Surface zum Trotz. Die Zukunft Googles, und damit meine ich die Stellung als Visionär, könnte abhängig vom Next Big Thing sein. Da gibt es ja bekanntlich eine große Auswahl: Virtual/Augmented Reality, Autonomous Vehicles, Internet of Things. In allen Bereichen ist Google tätig – natürlich.

Im E-Commerce-Sektor sehe ich vor allem Virtual Reality als etwas, was das Einkaufsverhalten noch einmal stark verändern könnte.

Google bemüht sich hier mitzuspielen, kann aber bis auf einer Papp-Version, die Ankündigung von AndroidVR und eine mögliche Zusammenarbeit mit Mattel kein wirklich überzeugendes Produkt vorstellen. Anders die Geräte von Facebook (Occulus Rift), Sony (Project Morpheus) oder Valve/HTC (SteamVR und HTC Vive), dessen Release scheinbar kurz bevor stehen – zumindest Valve versprach einen Launch in diesem Jahr.

Google, denken Sie groß!

Dass Projekte im Virtual-Reality-Bereich eingestampft werden, scheint aufgrund des öffentlichen Interesses an diesem Thema sehr unwahrscheinlich. Doch was kommt danach?

Sitzt Google sprichwörtlich schon an den Diensten der Zukunft, veröffentlicht diese, erhält nicht genügend Aufmerksamkeit dafür und nimmt alles wieder zurück? Schade wäre es, denn man wünscht sich einfach mehr Inbrunst für anstehende Projekte.

Martin Groß-Albenhausen: Geniale Detail-Ideen, aber jenseits der immer weiter abgemolkenen Suchmaschine fehlt die Begeisterung für die eigenen Projekte. Oder die Fähigkeit, diese wie ein Startup zu entwickeln.

Amazon macht es mal wieder vor: Fire Phone Flop, who cares? Der Onlinehändler will weiterhin eigene Smartphones kreieren. Fehler, aus denen man lernen könnte, hat man ja genug gemacht. Google stoppt meist schon, bevor es zu Fehlern kommt, dabei hätte der Konzern die Möglichkeiten auch einmal etwas zu riskieren – und damit ist nicht unbedingt der Bau einer neuen Donnerkuppel gemeint.

Facebook, Amazon und Google sind Unternehmen, die die Zukunft aktiv mitgestalten. Früher konnte man getrost Microsoft dazuzählen, doch das Verschlafen mehrerer Trends hat das Gates-Unternehmen ins Hintertreffen geraten lassen. Eine Startup-Attitüde ist auch in Unternehmensgrößen, wie Google sie nun einmal hat, von wichtiger Bedeutung. Passt der Suchmaschinenbetreiber nicht auf, könnte er schon bald zu den vergessenen Visionären gehören und zu einem Microsoft 2.0 werden.

Ich würde mir wünschen, dass Google auch in Zukunft mal wieder was durchzieht und sich nicht nur auf die Namensfindung neuer Android-Versionen versteift. Kreative Namen für Betriebssysteme – wenigstens das hat Google Microsoft noch voraus.

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