„Die Balance von Mensch und Maschine wird immer wichtiger.“ – Handelskraft-Speaker und Futurist Gerd Leonhard im Interview

Verfasst am 19. Januar 2017 von .
Gerd Leonhard

Gerd Leonhard – Futurist, Humanist, Autor, Keynote Speaker, CEO The Futures Agency, Zürich

Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine wird neu definiert – um Trends wie künstliche Intelligenz und Virtual Reality werden wir in den nächsten Jahren nicht herum kommen. Doch welche Entwicklungen und technologischen Herausforderungen erwarten uns? Das neue Jahr ist noch jung, daher es lohnt sich noch einmal innezuhalten, um in die Zukunft zu blicken: Was bietet sich da besser an, als ein Interview mit Handelskraft-Speaker Gerd Leonhard, der sich seit 2004 einen Namen als weithin bekannter Futurist gemacht hat. Seine Arbeit richtet den Blick auf die Zukunft und liefert wegweisende Voraussagen zu vielfältigen Themen von Kultur und Gesellschaft bis hin zu Business und Technologie.

Der Titel ihres neuen Buches „Technology vs. Humanity“ impliziert, dass Sie einen Konflikt zwischen Menschen und Maschinen sehen. Ist dem so?

Ich bin eigentlich eher optimistisch – der Buchtitel ist mehr provokativ gemeint oder als eine Art von Worst-Case-Szenario. Ich denke, dass unsere Zukunft eher Mensch AUF bzw. MIT Technologie sein wird, aber wir müssen ganz sicher auch dafür sorgen, dass es tatsächlich so kommt – wir brauchen baldigst neue Sozialkontrakte und neue Regeln für eine Welt in der exponentielle Technologien immer häufiger Science Fiction zu Science Fact werden lassen. Technologie alleine wird soziale oder politische Probleme nicht lösen. Und Konflikte hat es mit neuen Technologien ja immer schon gegeben; aber diesmal reden wir von Technologien die uns selbst grundlegend verändern werden – unser Denken, unsere Kultur, unsere Arbeit und dann sogar unsere Biologie. Es ist also viel besseres Leadership notwendig – und Handel muss dabei auch mehr involviert sein.

Sie sagen: „Die Menschheit wird sich in den nächsten 20 Jahren stärker verändern als in den letzten 300.“ Welche Veränderungen meinen Sie damit konkret?

Ich nenne das die Megashifts in meinem Buch, es bezieht sich aber primär auf diese drei großen Themen:

  1. Die künstliche Intelligenz (Cognitive Computing), also Maschinen die „denken“ können und demnach nicht notwendigerweise von uns programmiert werden müssen; Maschinen die aktiv lernen (deep learning) und die uns wohl in ca. 10 Jahren an geistiger Fähigkeit übertrumpfen werden (dies hat dramatische Folgen für Retail, Handel und Business).
  2. Die Manipulation von menschlichen Genen, die es uns in nicht zu weiter Zukunft erlauben wird, nicht nur die großen Geiseln der Menschheit wie z.B. Krebs oder Alzheimer zu besiegen oder zumindest zu kontrollieren, sondern auch dramatisch älter zu werden (80 ist das neue 60).
  3. Der radikale Wandel hin zu erneuerbaren Energien (primär Solar) wird bedeuten, dass wir in ca. 20 Jahren an dem Punkt sind, an dem wir den gesamten Energiebedarf aller ca. 10 Milliarden Menschen weltweit mehr oder weniger ohne fossile Treibstoffe oder Atomkraftwerke abdecken können. Energie wird dann so billig und „im Überfluss“ erhältlich sein, wie es heute Musik als Streaming (Spotify – 18 Millionen Songs für 9,99 €) im Vergleich zur CD bereits ist.

 

Bezüglich der näheren Zukunft: was denken Sie welche technologischen Entwicklungen und Herausforderungen uns 2017 erwarten?

  1. Die Automatisierung von Jobs und Arbeit im allgemeinen wird dramatisch mehr technologisch-bedingte Arbeitslosigkeit bringen, aber auch ganz neue Jobs und Tätigkeiten schaffen – dies muss bei Aus- und Weiterbildung viel mehr berücksichtigt werden.
  2. Der rapide technologische Fortschritt hat auch leider auch immer mehr Ungleichheit geschaffen – dies führt zu politischen Extrem-Reaktionen wie z.B. dem Brexit oder der Wahl von Donald Trump und ist auch einer der Hauptgründe von Terrorismus. Die Benefits der neuen Technologien müssen viel breiter verteilt werden, und eine neue Art von „digitalem Feudalismus“ muss eingedämmt werden.
  3. Offline ist der neue Luxus.
  4. Daten sind jetzt tatsächlich das neue Öl.

Technologie, Digitalisierung und künstliche Intelligenz haben einen starken Einfluss auf die Handelsbranche. Was denken Sie wie der Handel in Zukunft aussehen wird?

Es wird bald keinen Unterschied zwischen Online und Offline mehr geben- es gibt dann nur noch einen Kunden der auf allen Kanälen unterwegs ist und erreicht werden muss. Der Erfolg wird denen beschieden sein die holistisch und 5 Jahre im Voraus denken können. Erfolg im Handel ist aber auch immer eine Frage von Vertrauen und Beziehungen (was ich in meinem Buch als Androrithmen bezeichne) – dies wird auch in der Zukunft der Dreh- und Angelpunkt bleiben. Die Balance von Mensch und Maschine wird immer wichtiger.

The future of business

The future of business | Grafik: Gerd Leonhard

Was können Unternehmen schon heute tun, um sich für die Zukunft zu rüsten?

  1. Die Zukunft erkennen und verstehen (rückwärts von der Zukunft schauen – Foresights)
  2. Die Zukunft erleben (neue Dinge ausprobieren)
  3. Alte Annahmen auf aktuelle Wertigkeit überprüfen
  4. Unlearning und Relearning betreiben
  5. Denn „die Zukunft ist bereits hier sie ist nur ungleichmäßig verteilt“ – William Gibson

Können Sie uns einen kurzen Überblick über ihre Session zur Handelskraft 2017 geben?

Ich werde darüber reden welchen Gelegenheiten und Herausforderungen in den nächsten 5 Jahren auf uns zukommen: „ die Zukunft wird besser als wir denken – wir müssen sie nur besser verstehen lernen, und dann richtig gestalten“. Die Megashifts werden meine Ausgangspunkte dafür sein.

Was erwarten Sie sich von der Handelskraft 2017 Konferenz?

Offene Diskussionen und Mut zur Zukunft!

Handelskraft Konferenz

adword_250_250Wer den Impuls „Zukunft 2025“ von Gerd Leonhard sowie viele weitere spannende Vorträge zu Themen, wie „Businessmehrwert mit Microservices“ von Dr. Robert Zores der REWE Digital GmbH oder „Agiles Arbeiten mit Agenturen“ von Alexander Schmelzl von der BayWa AG nicht verpassen möchte, sollte sich schnell sein Ticket sichern! Namhafte Unternehmen, wie Melitta, Hagebau und Würth sind bereits dabei.

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