Onlinehandel wächst zweistellig – die Zukunft ist sicher!

Verfasst am 1. März 2017 von .

Quelle: pexels

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Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.
Karl Valentin / Mark Twain / Niels Bohr

Obgleich ein Blick in die Zukunft nur schwer möglich ist und die Prognosen oft vage bleiben, wird man doch allenthalben mit selbigen konfrontiert. Blogs, Fachmagazine, Verbände, Studien- und Analystenhäuser sowie Konferenzen sind ein Tummelplatz für Hypes, Trends und Prädiktionen aller Couleur. Doch wie weit können, sollten oder müssen Unternehmen ihnen hinterherjagen?
 
Der bevh (Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V.) stellte vergangene Woche aktuelle Zahlen zum interaktiven Handel in Deutschland vor. Zum zugleich 70. Verbandsgeburtstag ließ man es sich nicht nehmen 7 steile Thesen fürs hundertjährige Bestehen 2047 zu formulieren.
 
Das ist sehr mutig und ein lohnendes Gedankenspiel.

E-Commerce ist der Wachstumstreiber im Einzelhandel

Die vorgestellten Zahlen des bevh zeichnen eine glorreiche Vergangenheit und einen positiven Zukunftstrend des Online- und Versandhandels. Die Schlaglichter:

  • Jeder 8. Euro im Einzelhandel wird interaktiv eingespielt
    Genauer gesagt 12,7 Prozent beträgt der interaktive Anteil am Einzelhandel
  • 67 Mrd. Euro Umsatz im deutschen B2C-E-Commerce
    79 Prozent Warenanteil und 21 Prozent Dienstleistungen
  • Der interaktive Handel wächst zweistellig
    10,8 Prozent Wachstum verglichen zu 9 Prozent 2015 und 2 prozent 2014 sind ein klares Signal in Richtung Handelsdigitalisierung. Die Prognose für 2017 liegt ebenfalls bei soliden 11 Prozent
  • Hohes Wachstum bei allen Versendertypen– Multi-Channel und Webshop sind nicht tot
    Auch, wenn mit knapp über 20 Prozent die Online-Pure-Player 2016 am stärksten wuchsen, konnten auch Multi-Channel-Versender ihren Umsatz um beachtliche 18,9 Prozent steigern. Funfact: Multi-Channel-Versender mit stationärer Heimat wuchsen knapp ein Drittel um 31,7 Prozent.
  • Alle bestellen im Netz
    Nicht nur erhöhten sich die Umsätze über alle Warengruppen, auch die Kauffrequenz stieg erneut. Ebenso streben Männer immer stärker ins Netz – auch in Warengruppen, die bisher weiblich dominiert waren – und beenden die Mär des weiblichen Onlinehandels

Keine Angst vor der Zukunft

Na, dann ist doch alles super! E-Commerce-Anteile wachsen. Stationär stirbt nicht. Da jauchzt der Unternehmer über die frisch gewonnene Verschnaufpause: „Heureka, ich habe einen Omnichannel-Webshop mit Marktplatzanbindung – ich bin zukunftssicher.“

Klatschen wir gemeinsam in die Hände und beschimpfen die Apologeten des digitalen Buzzwortbingos als unternehmerische Luftnummern.

Okay, das ist schwarz-weiß-Denken, wie es in den wenigsten Unternehmen herrscht. Man muss ja zugeben, dass sich Handel in den vergangenen zwanzig Jahren radikal verändert hat und mit ihm das Konsumverhalten der Kunden. Stichwort: 10 Jahre iPhone. Der Wandel ist also Fakt, aber selten so radikal und mit Hochgeschwindigkeit unterwegs, wie es die Hype- und Drohszenarien zeigen (wollen).

7 Thesen – eine Richtung

Zurück zu den Erkenntnissen des bevh. Nach Meinung des Verbands sieht der Handel 2047 wie folgt aus:

  1. Im Jahr 2047 ist Einzelhandel E-Commerce
  2. E-Commerce ist im Jahr 2047 weit mehr als Online-Handel
  3. E-Commerce ist der optimale Nahversorger mit höchster Verfügbarkeit und Transparenz
  4. E-Commerce kennt keinen Unterschied, bietet aber individuelles Einkaufs-Erlebnis
  5. Im E-Commerce gibt es alles
  6. E-Commerce ist nachhaltig
  7. E-Commerce ist innovativer Wachstumstreiber und verantwortungsvoller Arbeitgeber in der Nachbarschaft

Quelle: bevh

Gerieben habe ich mich im Pressegespräch des bevh insbesondere an den Thesen zur Nachhaltigkeit und der Nahversorgung.

Sicher, faire Modelabels wie Armedangels, recolution und bleed wären ohne den digitalen Lifestyle – sprich Onlinekanal mit Shop und Content – nicht so erfolgreich, wenn überhaupt überlebensfähig. Ihr Geschäftserfolg online baute die Welle auf, auf der das Thema fast-fashion vs. fair-fashion in die Öffentlichkeit rückte. Und dennoch gibt es genügend kaufwillige Primark-Kunden.

Sicher, in Berlin bin ich jetzt schon hervorragend online nahversorgt. Und zwar über alle Warengruppen, um in den Worten des bevh zu bleiben. In ländlichen Regionen, wo Carsharing bedeutet drei Autos zwischen Eltern-, Großeltern und Enkelgeneration zu teilen, wage ich diese These zu bezweifeln. Wiederum ist leihen – Schankanlagen, Gartengeräte, … – relativ verbreitet. Ob die On-Leihe ähnlich effizient wird?

Zugegeben, das ist erneut stark kontrastierend überspitzt. Bis 2047 vergehen noch 30 Jahre und nur, weil manche Veränderungen (Nachhaltigkeit, Everywhere-Same-Day-Delivery) nicht so „disrupten“, wie es Evangelisten gern sähen, muss man die Idee ja noch lange nicht aufgeben. Denn zwei Entwicklungen lassen hoffen.

Verfügbarkeit – Logistik von Informationen

Das Buzzwort „Contextual Commerce“ ist nicht neu. Im Zeitalter der APIs erlebt es allerdings eine Renaissance, auch, wenn es weiterhin Nichts anderes bedeutet, als das sinnvolle verteilen und verknüpfen gesammelter Daten. So hat REWE beispielsweise den Button „Zutaten bestellen bei REWE“ entwickelt, den es nun an jedem Rezept auf kochbar.de gibt. Quasi ein kontextbezogener Buy-Button.

Noch ist die zugrundeliegende Logik allerdings wenig smart. Der Button ist fester Front-End-Bestandteil. Eine Anzeige nach Region des Kunden wäre hilfreicher, denn einerseits könnte ein passender Laden vorausgewählt werden und zweitens, aber viel wichtiger, würde die Enttäuschung vermieden, dass man nach Eingabe der Postleitzahl der Filiale um die Ecke erfährt, dass diese nicht liefert.

Ins Horn des contextual commerce bläst übrigens auch das Analystenhaus Forrester. Heißt: Nach Plattform kommt Kontext. Allerdings nicht vor 2021, womit man erneut im heiligen Fahrwasser der Zukunftsprognosen schippert. Vermessen ist die These jedoch nicht, sondern nur die konsequente Weiterführung der digitalen Datensammlung und deren intelligenter Verknüpfung ins Front-End.

Verfügbarkeit – Logistik von Waren

Auch, wenn Daten-Jonglage ein nicht zu unterschätzender Aufwand ist, bleibt die größte Herausforderung in der Zukunft die Distribution der Waren. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass auch der bevh immer wieder feststellt, dass Kunden kaum bereit sind höhere Versandkosten für besseren Service in Kauf zu nehmen. Der Kunde fordert sexy Logistik in billig.

Kostensenkend könnten dabei verteilte Lager wirken, wie Amazon sie beispielsweise in Berlin betreibt. Prinzipiell ähnlich wirken stationäre Shops, von denen Direktversand möglich ist. Eventuell erleben auch Einkaufszentren eine Renaissance als kombinierte Lager mit Showroom. Fraglich ist nur, wer es liefert, wenn an Produkten kaum etwas verdient wird und die High-End-Logistik nur Kostenfaktor ist.

Funfact: Die Disruptions-Götter von UBER nehmen pro Fahrt nur 40 Prozent der Kosten ein.

Es ist als Kunde mit zwei linken Kochlöffeln wirklich großartig in einer Stadt zu leben, in der Restaurants keine eigenen Lieferservices (Pizza-Autos aus den 90ern) brauchen, sondern Foodora und Deliveroo jedes Gericht ökologisch sauber via Fahrrad liefern. Tauschen möchte ich mit den Radlern aber nicht.

Und so ähnlich radeln auch zwei Jungs in Wien, die den lokalen Buchhandel unterstützen wollen, indem sie in Wien verfügbare Bücher noch am selben Tag liefern. Wie lang sie wohl radeln werden, wenn ihre Ideen sie in naher Zukunft lukrativer beschäftigen werden?

Die Zukunft kommt

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2 Reaktionen zu “Onlinehandel wächst zweistellig – die Zukunft ist sicher!”

  1. Sören

    Am 7. März 2017 um 16:39 Uhr

    Hi, ich bin durch Zufall auf diesen Beitrag gestoßen und finde, Ihr habt 100% Recht! Als Handwerker habe ich nicht so viel Zeit fürs Internetsurfen bzw. Internetshoppen, aber die mobile Apps nutze ich heftig, beispielweise, von Kemmler Baustoffe (www.kemmler.de ), da ich über das App meine Bestellungen erledige. Ich kann mich kaum darauf erinnern, wann ich zum letzten Mal in den Baumarkt gefahren war – es war einfach nicht mehr nötig, seitdem das App da ist!

  2. Oliver Kling

    Am 7. März 2017 um 17:07 Uhr

    Sören, du bist der beste Beweis, dass Handwerk schon genug Arbeit ist. Dann soll doch wenigstens die Beschaffung / der Einkauf möglichst bequem ablaufen. Isover – Dämmmaterialhersteller – hat ebenfalls letztes Jahr mit seiner App beeindruckt.

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