E-Health – Zwischen Himmel und Hölle [Kommentar]

Verfasst am 17. Mai 2017 von .

Grafik:HAMZA BUTT

Grafik:HAMZA BUTT

Die vierte industrielle Revolution, die oft unter dem Kunstwort “Industrie 4.0” zusammengefasst wird, macht vor keiner Branche halt. Egal ob im klassischen Konsumgüterbereich, im Verlagswesen oder auch in der Erotikfilm-Industrie. Fragt man, was gerade die eigene Branche übergreifend verändert, lautet die Antwort oft: das Internet. Ähnliche Erkenntnisse gab es natürlich auch schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
 
Doch langsam wird klar, dass die Digitalisierung auch Bereiche betrifft, die sich mit den Urbedürfnissen des Menschen auseinandersetzen. Nein, damit sind nicht die sozialen Medien gemeint, sondern das Bedürfnis nach Gesundheit. E-Health oder Digital Health nennt man die Weiterentwicklung des tristen Krankenhausalltags bis hin zu modernen Apps, die den Krankenkassen zusätzliche Nutzerdaten in die Datenbank spülen. Doch so einfach wie der Verkauf von Fashion sind die elektronische Patientenakte oder Apps von Krankenkassen eben nicht – wie ist also der Stand im E-Health? Ein Rundumblick:

Es stehen Leben auf dem Spiel

Während man auf den bekannten Plattformen seine persönlichen Daten ohne Hintergedanken eingibt, ist diese Freizügigkeit spätestens bei sensiblen Daten, wie dem aktuellen Gesundheitsstand, vorbei. Essverhalten, bisherige und chronische Krankheiten, Raucher, Alkoholiker… all solche Informationen teilt man nur sehr ungern, vor allem mit fremden Menschen. Umso höher sind die Sicherheitsstandards an Systeme, die eben genau solche Informationen speichern, verwenden, verwalten.

“Kein System ist sicher” – das zeigt beispielsweise ein Angriff auf die britische Patientenvereinigung NHS am 12. Mai 2017. Zahlreiche Krankenhäuser in Großbritannien hatten plötzlich keinen Zugriff mehr auf wichtige Patientendaten. Eine weitere Behandlung war nicht möglich, die Patienten mussten in anderen Krankenhäusern untergebracht werden – Worst Case und Wasser in den Mühlen der Analog-Bewegung.

Dieser Vorfall verdeutlicht noch einmal den Unterschied zwischen E-Health und allen anderen Branchen, die sich gerade durch die Digitalisierung schlagen: Fällt bei einem Hersteller von Schrauben einmal der Server aus und der Onlineshop ist für einige Stunden nicht erreichbar, verliert man Umsatz und je nach Tragweite auch den ein oder anderen Kunden. Sind hingegen Patientendatensysteme eines Krankenhauses nicht mehr erreichbar, stehen – ohne an dieser Stelle übertreiben zu wollen – Menschenleben auf dem Spiel… und genau aus diesem Grund ist der Gesundheitsmarkt – zumindest in Deutschland und vielen anderen Ländern – so stark reguliert.

Patienten sind keine Kunden… oder?

Wer als Software-Hersteller, Dienstleister oder Berater etwas von den für 2026 prognostizierten 140 Milliarden US-Dollar im digitalen Gesundheitsmarkt abhaben will, muss andere Standards als im klassischen B2C- oder B2B-Handel setzen. Gerade weil es sich um ein menschliches Grundbedürfnis handelt, kann man Patienten eben nicht mit einem klassischen Kunden gleichsetzen. Und trotz aller Bedenken über die Datensicherheit, ist E-Health kein Hype á la Smart Watch, sondern etwas, dass sich schon allein durch den puren Nutzen bedingt.

Was ist damit gemeint? Seit Jahrhunderten steigt die Lebenserwartung eines Menschen. Während man Mitte des 20. Jahrhunderts noch durchschnittlich 50 Jahre alt wurde, liegt die Lebenserwartung heutzutage zwischen 65 und 70 Jahren – weltweit betrachtet. In Deutschland sogar bei fast 80 Jahren. Synchron zur massenhaften Herstellung von Produkten am Fließband, hat sich auch die medizinische (Grund-)Versorgung verbessert (solange man auf die westliche Welt schaut). Warum sollte also die Gesundheitsbranche von der Digitalisierung und den damit verbundene Vorteilen ausgeschlossen werden?

Klar, der Angriff auf die NHS führt die negativen Folgen einer solchen Digitalisierung vor Augen. Doch das Thema E-Health wird nicht einfach verschwinden. Die Akte dazu wird auf dem Tisch liegen bleiben und immer größer werden. Sich aus Sicherheitsgründen nicht damit zu beschäftigen, ist ein schwerwiegender Fehler, will man – auf Deutschland bezogen – weiterhin zur Spitze gehören, wenn es um die Betreuung und Behandlung von Patienten geht.

Mit Vorsicht in die schöne neue Welt

Und so könnte der Gesundheitsmarkt durchaus eine Vorreiterrolle in Sachen Sicherheit und Compliance einnehmen. Denn was in anderen verkaufenden und herstellenden Unternehmen State-of-the-Art ist, kann teilweise schwer bis gar nicht bei einem Krankenhaus, einer Arztpraxis oder gar bei Krankenkassen umgesetzt werden. Aber das kann an dieser Stelle gar nicht entschieden werden. Am Ende entscheidet letztendlich der Kund… äh der Patient, was für ihn angemessen ist und was nicht.

Zumindest ein Teil der Patienten wird die Frage stellen, wo eigentlich die ganzen Daten, die Patientenakten liegen: Im Aktenschrank um die Ecke? Auf Datenbanken im Keller? Oder gar in der Cloud irgendwo außerhalb Europas? Dem Fitness-Hype sei Dank werden potenzielle Patienten aber schon mal in eine gewünschte Richtung getrimmt. Egal ob Herzschlag, Schritt- oder Kalorienzähler: Moderne Fitness-Armbänder tracken das Verhalten des Nutzers und schicken diese Daten anschließend an… ja, wohin eigentlich? Keine Ahnung. “Hauptsache nicht an die Krankenkasse!” lautet dann meist die Devise. Denn wer will schon, dass die eigene Kasse weiß, dass man Raucher, regelmäßiger Trunkenbold oder Fast-Food-Wettesser ist?

Gibt es überhaupt Vorteile?

Angenommen die anfänglichen Ängste über die Sicherheit der Daten könnten geklärt werden und die Gesellschaft akzeptiert weitestgehend die komplett digitale Verarbeitung der eignen Patientendaten… wo liegen denn nun konkret die Vorteile, beispielsweise von einer elektronischen Patientenakte auf die jedes Krankenhaus zu jederzeit zugreifen kann, da diese in der Cloud gespeichert ist?

Hier wäre jetzt viel Platz für tolles Bullshit-Bingo. Die Bundesfachkomission “Digital Health” schafft das ganz gut und hat sich für 2017 vorgenommen, die “Verbesserung der Versorgungsqualität” und die “Entwicklung einer zukunftsfähigen E-Health-Strategie für Deutschland” voranzutreiben – Yay! Was bedeutet das? Das bedeutet beispielsweise, dass man in einem Zeitalter digitalisierter Krankenhäuser nicht mehr Angst haben muss ein Medikament verschrieben zu bekommen, welches nicht mit anderen Medikamenten, die man bereits verschrieben bekommen hat, harmoniert.

Jede Ärztin, jeder Krankenpfleger weiß sofort, was einem fehlt und wie die Medikation bisher verlief. Zudem ist die Entwicklung des Fitness-Armbandes noch lange nicht vorbei. Neue Sensoren werden es möglich machen, dass diese Armbänder bald mehr können als nur den Herzschlag zu prüfen. Zusätzliche Gadgets könnten Krankheiten schon in einem frühen Stadium erkennen. Außerdem könnte überfordertes Pflegepersonal in deutschen Krankenhäusern entlastet werden, beispielsweise durch eine Krankenhausbedarfsplanung, die mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz erarbeitet wird.

Komplizierte Sache, dieses E-Health

Die Digitalisierung hat viele Vor- und Nachteile und gerade im Gesundheitsmarkt kann man diese förmlich mit der Hand greifen. Denn es steht nicht weniger als das Leben der Patienten auf dem Spiel. Das ist vielleicht etwas zugespitzt formuliert, doch braucht es diesen Gedanken, will man E-Health und damit die Digitalisierung im Gesundheitsbereich vorantreiben. Viele Start-Ups, Softwarehersteller als auch Dienstleister vergessen dies und so kommt es zu solchen Zwischenfällen wie bei der NHS, die letztendlich den Fortschritt der gesamten Branche in Gefahr bringen.

Zeitgleich muss der Patient weiter an das Thema herangebracht werden. Vor allem die Frage danach, was mit den Patientendaten passiert, darf nicht unbeantwortet bleiben. Ja, Datensicherheit finden viele langweilig und scheinen sich mit dem Umschnallen einer Fitbit sowieso davon verabschiedet zu haben. Dennoch muss die Analog-Bewegung abgeholt und solchen Patienten die Vorteile einer Speicherung der Daten in der Cloud erklärt werden – beispielsweise.

Man könnte dieses Thema noch auf so viele andere Arten und Weisen weiterbehandeln, beispielsweise mit Hilfe von ethischen und moralischen Fragen, weiter in die Richtung “Was haben eigentlich die Krankenkassen vor?” oder gar mit dem Aluhut auf dem Kopf schreiend “GEBT MIR MEINE DATEN WIEDER!” – ob das zielführend ist oder nicht müssen andere entscheiden. Ich geh derweil laufen, da ich von meiner Krankenkasse dafür “geldwerte Vorteile” erhalte… die Krankenkasse erhält dafür im Gegenzug einen Auszug aus meiner – in Zukunft hoffentlich digitalen – Gesundsheitsakte.

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