Change-Management in der „Industrie 4.0“ – Politik für Menschen oder Maschinen? [Kommentar]

Verfasst am 27. September 2017 von .

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Quelle: dotSource

Was ist denn hier los? Wird Handelskraft jetzt politisch? NACH der Bundestagswahl? Nein und ja. Nein, weil Handelskraft auf die digitale Transformation von Unternehmen und Geschäftsmodellen blickt. Nein, weil die Digitalisierung von Marketing, Vertrieb und Service nichts per se Politisches ist. Nein, weil Handelskraft an Wandel und Erfolg durch unternehmerisches Handeln glaubt. Aber es gibt auch das Ja.
 
Ja, weil es Bereiche gibt an denen Digitalisierung an Grenzen stößt, da ihre erzeugten Effekte keine gewinnbringende Zukunftsoption für die Beteiligten darstellen. Ganz konkret hat mich ein Artikel zum Thema Fachkräftemangel sowie meine Erfahrungen aus der Digital Business School zu diesem Kommentar veranlasst. Worum geht’s?

Fachkräftemangel – analoge Routine ist unattraktiv

Der Welt-Artikel ist mit „Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, wir finden keine Fahrer mehr“ überschrieben. Konkret schildert ein Spediteur sein Problem kaum mehr neue Mitarbeiter für seine Tanklastzüge zu finden. Die beeindruckende Zahl im Artikel nennt ein Verhältnis von 50.000 Rentnern auf 10.000 Neuanfänger. Selbst Tariflöhne zwischen 2500 und 3000 Euro Monatsbrutto würden nur wenig neue Bewerber locken.

Was den beschriebenen Unternehmer quält ist auch ein Alarmsignal für die Onlinehandelsbranche, die hochgradig von hochwertiger Logistik abhängt. E-Commerce hungert nach Lagerflächen, nennt es Logistik-Heute und prognostiziert eine Flächenverdopplung bis 2025. Doch der Hunger betrifft eben nicht nur Flächen, sondern mehr noch die Verteilung zwischen den Lagern und zum Konsumenten. Hinzu kommen Kunden, die an versandkostenfreie Lieferung gewöhnt sind. Logistik ist Kostenfaktor. Teure Logistik oder lange Lieferzeiten führen zu Geschäftseinbußen.

Findige Branchenkenner könnten jetzt zwei ihrer beliebtesten Mantren zur Lösung anbringen. Erstens: Unternehmer und Kunden sind selbst schuld. Versender sollten ihre Kosten grundsätzlich auf den Konsumenten umlegen und ihn so erziehen. Löhne könnten so erhöht werden und Logistikberufe aufwerten, um mehr Bewerber anzulocken. Zweitens: Robotik im Lager und autonome Logistikfuhrparks lösen den Menschen ab. Der menschliche Fachkräftemangel ist endlich.

Change-Management braucht Anreizsysteme

Der zweite Anlass des Kommentars ist, wie weiter oben geschrieben, der Start der vierten Runde der Digital Business School (DBS). Ich hatte die Gelegenheit, gemeinsam mit dotSource Gründer und Geschäftsführer Christian Malik, den ersten Seminartag zu halten. Ziel der DBS ist es dem digitalen Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Denn kompetente E-Commece-Manager und Digital-Transformation-Architects fallen nicht vom Himmel. CDOs, die Händler oder Hersteller den Weg durch die Digitalisierung bahnen, brauchen umfangreiche Kompetenzen. Von Conversion-Rate-Optimierung (Video), über die Auswahl der richtigen Systeme (Video) bis zur Geschäftsmodellentwicklung.

Zum ersten Seminartag gehört auch ein Kurzüberblick zum Thema Change-Management, der in späteren Seminartagen intensiv vertieft wird. Beim Thema Anreizsysteme für Mitarbeiter stellte ein Teilnehmer die Frage, die mir immer noch nachhallt:

„Unsere Staplerfahrer in der Belegschaft sind durchschnittlich Mitte 50. Die haben keinen Bock auf Wandel! Nicht, weil sie das Neue ablehnen, sondern weil sie Angst haben noch vor der Rente ohne Job dazustehen und am Ende noch weniger Rente haben werden. Was soll ich denen denn für einen Anreiz geben?“

Tja, da ist man dann als Seminarleiter sprachlos, denn Recht hat er. Die drei Begleiter der Digitalisierung „Bequemlichkeit“, „Effizienz“ und „Gewinn“ gelten derzeit nicht für jedes Skillset und alle Qualifikationsstufen gleichermaßen. Einmal im Jahr liest man Artikel der Art „Diese Jobs sterben aus“, wo Experten resümieren, dass Routinetätigkeiten durch weitere Technisierung und Automatisierung zukünftig entfallen. Regale einräumen, Pakete ausliefern, LKW fahren und Patienten pflegen, aber auch Häuser bauen. „Sicher“ sei (vorerst) nur, wessen Job ein hohes Maß an Kreativität, Lösungskompetenz und Management erfordert.

Digital ist besser? Ja, immer noch, aber bitte mal für alle!

Wir befinden uns in einer Gemengelage, in der routineintensive Jobs wenig Anziehungskraft auf Bewerber ausstrahlen. Polemisch: Im Großstadtcafé mit WLAN „was managen“ und Laptop sind geiler als die Arbeit in Industriehallen und Nächte auf überfüllten Rastplätzen. Zeitgleich wirkt ein Einstieg in diese Jobs ebenfalls wenig anziehend, da die meisten in 15 Jahren nicht mehr existieren. Jene, die schon in diesen Jobs sind haben ebenfalls wenig Interesse an ihrer Selbstbeseitigung, denn die meisten sind bescheiden genug, um zu erkennen, das „was managen“ mit Laptop weder in ihr Interessengebiet, noch in ihr Skillset fällt.

Genau an dieser Stelle werden die Grenze des Change-Managements und die Effekte der Digitalisierung politisch. Denn – Vorsicht, Politikfloskel! – „die Menschen mitzunehmen“ ist Aufgabe der Politik. In digitale Infrastruktur investieren zu wollen und Richtlinien beispielsweise für autonome Mobilität zu entwickeln ist eine Seite der Medaille – die andere ist der Mensch im Zentrum der Digitalisierung. Wie sollen beispielweise Belegschaften den digitalen Wandel mittragen, wenn sie im Ergebnis arbeitslos werden? Es geht in der „Industrie 4.0“ eben um Menschen UND Maschinen.

Konkret frage ich mich, wo der politische Rahmen ist, der es Unternehmen ermöglicht und sie dafür belohnt in Mitarbeiterqualifikation zu investieren? Egal, ob digital oder analog. Wie ist der politische Rahmen, um der unternehmerischen Verantwortung für die Mitarbeiter nachzukommen, der es ermöglicht durch hohen Zeiteinsatz und Effizienzverlust Staplerfahrer zu Customer-Care-Managern zu entwickeln? Diese Kosten auf den Kunden umlegen zu wollen wird sich unternehmerisch nur schwer argumentieren lassen. Insbesondere ohne Wettbewerbsrichtlinien.

Eine Schere zwischen Analog und Digital, zwischen Menschen und Maschinen, braucht niemand! Die Schere zwischen Arm und Reich ist schlimm genug. Die Versprechen der Digitalisierung „Bequemlichkeit“, „Effizienz“ und „Gewinn“ für alle zu ermöglichen – das ist die politische Ebene einer Industrie 4.0!

Was denken Andere? Austausch auf der HK18MUC

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