»Die Begeisterung für KI kann einen durchaus blind machen« – Handelskraft-Speaker Kathleen Jaedtke und Tina Nord im Interview

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Quelle: dotSource

Ob Chatbots, Gesichtserkennung, Produktempfehlungen oder Emotionen-Analyse – der Einsatz von intelligenten Technologien wird immer festerer Bestandteil unseres geschäftlichen, wie privaten Alltags. Künstliche Intelligenz ist der größte technologische TREND, aber nur wenige verstehen, was KI eigentlich bedeutet und inwieweit sie das eigene Business beeinflussen kann.

Antworten auf diese spannenden Fragen haben Kathleen Jaedtke und Tina Nord – Blogautoren von »Lernen wie Maschinen« und Speaker der Handelskraft Konferenz am 28. März 2019. Eine Vorschau auf ihre Session »Was künstliche Intelligenz für E-Commerce Experten bedeutet: Die wichtigsten Entwicklungen aus 2018 & 2019 im Überblick« bieten wir euch schon heute, denn Kathleen und Tina standen uns im Interview Rede und Antwort.

Mit eurem Blog möchtet ihr Aufklärungsarbeit zu diesem komplexen und spannenden Thema leisten. Wie kam es dazu? Was hat mit „Lernen wie Maschinen“ auf sich?

Lernen-wie-maschinen.ai entstand im April 2018, als wir zwei Schulungen zum Thema künstliche Intelligenz, Datenwissenschaft und Coding am MIT CSAIL und der Code University Berlin absolvierten. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns seit knapp anderthalb Jahren mit KI auseinandergesetzt und die Trainings waren ein Feinschliff unseres vorhandenen Wissens. Nun fühlten wir uns wohl und sicher genug, um unser neu gewonnenes Know-How zu teilen. Die ständigen Weiterbildungen führten bei uns außerdem zur Entmystifizierung der KI.

Wir wollten diesen Aspekt erklären und verständlich machen. Viele Menschen sind noch immer davon überzeugt, dass sie so ein komplexes Thema nicht verstehen
können. Unser Blog versucht diesen Irrglauben zu korrigieren und zur Auseinandersetzung mit KI anzuregen.

Welche Herausforderungen müsst ihr bei eurer Arbeit bewältigen? Welche Erkenntnisse habt ihr daraus gewonnen?

Es gibt ständig neue Entwicklungen im Bereich der intelligenten Systeme. Der exponentielle Fortschritt macht es zur Herausforderung mitzuhalten und immer auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Außerdem kommen ständig weitere Aspekte dazu, etwa neue Use-Cases oder Anwendungsbereiche. Wir haben schnell gelernt, dass es unmöglich ist all das zu erfassen. Es ist wesentlich sinnvoller sich auf ein paar ausgewählte Themen (etwa KI im Zusammenhang mit E-Commerce oder NLP, Computer Vision ) zu konzentrieren. Davon abgesehen, je besser man ein Fachgebiet versteht, desto mehr Schattenseiten werden sichtbar.

Wir beschäftigen uns gerade intensiv mit den Limitierungen, Risiken und Herausforderungen der Technologie und welche Konsequenzen daraus für unsere Gesellschaft entstehen können. Stichwort: algorithmische Voreingenommenheit und Bias. Auf jeden Fall lernt man nie aus.

Auf eurem Blog berichtet ihr von euren Lernprozessen – Fails inklusive. Könnt ihr unseren Lesern einen davon nennen und erklären, was ihr daraus gelernt habt?

Da gibt es unzählige Beispiele. Ich denke, eines der ersten Learnings war, dass die Begeisterung für KI einen durchaus blind machen kann. Wir erleben das ab und an auch bei Kunden, die eine Beratung bei uns anfragen. Eine Anfrage klang zum Beispiel so: “Wir wollen irgendwas mit KI machen. Sagt uns, was wir mit unserem Unternehmen tun können.”

Wir kennen diese Herangehensweise, weil wir anfangs genauso enthusiastisch auf der KI Welle gesurft sind. Es gab ein paar unangenehme Dämpfer, als unsere Begeisterung auf erfahrene Experten traf, die sich seit Jahren mit KI beschäftigt hatten und durchaus ihre Zweifel am aktuellen Hype haben. Unser Learning war, dass nicht KI oder maschinelles Lernen im Fokus initialer Brainstormings stehen sollten, sondern der Kunde und seine Herausforderungen. Letztere müssen durch klassische Nutzerforschung erkannt werden. Und dann kann es auch sein, dass intelligente Systeme eine Lösung zur Behebung des Kunden-Problems bieten. Das muss aber nicht immer der Fall sein.

Ob Machine-Learning, Deep Learning oder Visual Recognition – KI ist nicht mehr wegzudenken. In welchen Bereichen seht ihr aktuell das größte Potenzial
für die Erweiterung des eigenen Business? Habt ihr konkrete Beispiele?

Die Realität ist, dass viele Unternehmen noch mit einfacheren Anwendungsbereichen des maschinellen Lernens kämpfen, wie etwa der Personalisierung. Unternehmen wie Google oder Facebook sind darin längst Profis, doch für den Mittelstand oder kleine Unternehmen in Deutschland ist das nach wie vor eine Herausforderung.

Die Kundenzentrierung bleibt jedoch das größte Potenzial für die Erweiterung des eigenen Businesses. Der Konflikt entsteht dadurch, dass der Nutzer durch die großen Tech-Riesen bereits an personalisierte Inhalte gewöhnt ist, die in sekundenschnelle geliefert werden. Das verändert die Erwartungshaltung des Kunden und kann schnell zur Enttäuschung führen.

Zum Beispiel, wenn der via Sprachsuche im Google Assistant entdeckte Webshop da nicht mithalten kann, weil die Seite zu langsam lädt oder über keine sprachgesteuerte Navigation verfügt. Es geht schon längst nicht mehr nur darum online präsent und auffindbar zu sein. Sondern vielmehr darum, flexibel und innovativ zu agieren. Ansonsten ist das Risiko groß, dass eines der aus dem Boden schießenden KI Start-Ups in die größer werdende Lücke springt.

KI (Automatisierung) wird oft als eine Bedrohung, vor allem für Arbeitsplätze, gesehen. Was ist eure Meinung dazu?

Wir haben uns ausführlich mit dem Thema befasst und verschiedene Studien zu dem Thema gelesen. Interessant war, dass jede Institution – egal ob MIT oder
PWC – eine andere Zukunft vorhersagt. So ist zum Beispiel das MIT überzeugt, dass Maschinen den Menschen nicht ersetzen werden. Die OECD behauptet das
Gegenteil und meint, KI wird auf jeden Fall Jobs zerstören.

Wieder andere Publikationen sagen gar Wirtschaftswachstum voraus und bezeichnen KI als Jobmotor. Und das hat uns gezeigt, dass faktisch niemand die Zukunft vorhersagen kann. Wir können im Moment nur raten. Wenn wir uns anschauen was schon real existiert – wie der Roboter Tally, der in den USA Supermarkt-Regale scannt und die Inventur übernimmt oder selbstfahrende Autos in Asien – dann ist es sehr wahrscheinlich, dass KI mittelfristig Arbeitsplätze zerstört.

Ein Grund zur Hoffnung ist jedoch die Fehleranfälligkeit intelligenter Systeme. Erst Mitte Januar hat das japanische Henn-na Hotel mehr als die Hälfte der 243 Roboter stillgelegt, die für das Gasthaus arbeiteten. Der Grund: Sie verursachten mehr Arbeit, als sie den menschlichen Angestellten abnahmen.

Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine wird immer reibungsloser und fließender. Wie können Unternehmen beispielsweise den Service optimieren,
ohne auf den „Faktor Mensch“ zu verzichten?

Das Stichwort hier lautet Weiterbildung. Es ist essentiell, dass Unternehmen und ihre Mitarbeiter verstehen was KI ist und wie intelligente Systeme funktionieren. Das kann zum einen den Quereinstieg in einen technischen Bereich ermöglichen, wo Fachkräfte händeringend gesucht werden. Oder aber sicherstellen, dass die neue Technologie bestmöglich bedient und gewartet wird.

Jeder Mensch bringt eine individuelle Perspektive auf seinen Job oder das Leben allgemein mit. Wenn wir KI und ihre Anwendung verstehen und diese einzigartige Perspektive damit kombinieren, kann neuer Mehrwert entstehen. Etwa in Form einer Produkterweiterung oder durch die Lösung eines Kunden-Problems.

Es ist daher nicht nur essentiell sich und andere zu bilden, sondern auch Innovationen und kreative Prozesse in Unternehmen zuzulassen und zu fördern. Davon unabhängig, sollte sich jeder fragen, welche Tätigkeiten im Job repetitiv sind und welche im Moment vielleicht genau deswegen zu kurz kommen. So ermöglichte etwa die Einführung des Geldautomaten den Bankangestellten, sich stärker auf die persönliche Kundenberatung zu konzentrieren. Tätigkeiten die sich nicht stetig wiederholen, sind wesentlich schwieriger zu automatisieren. Fähigkeiten die zur Ausübung solcher Tätigkeiten benötigt werden, sollten gezielt identifiziert und trainiert werden.

Wenn ein Redakteur zum Beispiel automatisierte Content Audits generieren kann, hat er schneller bessere Daten darüber, welche Inhalte für seine Leser besonders interessant und hilfreich sind. Und wenn kurze, stark datengetriebene Texte durch einen Computer generiert werden, hat er mehr Zeit, sich recherche-intensiven oder kreativen Formate zu widmen.

Worauf können sich die Teilnehmer der Handelskraft Konferenz 2019 in eurer Session freuen?

Im letzten Jahr hat sich gerade in Deutschland viel in Sachen KI getan. Wir werden einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse mitbringen. Noch interessanter ist jedoch tatsächlich dieses Jahr: KI steht auf einfach jeder Konferenz-Agenda, egal, ob es um Wirtschaft, Politik oder Religion geht. Es wird viel Spannendes passieren und wir verraten, welche Entwicklungen E-Commerce-Experten ganz besonders im Auge behalten sollten.

Das Potential von KI verstehen und ausschöpfen

180828_hkk_coverbild_hk_banner_de Wer die Session von Kathleen Jaedtke und TIna Nord und viele andere spannende Formate zu Consumer-Trends oder New Work nicht verpassen will, der sollte sich jetzt sein Ticket für die Handelskraft Konferenz 2019 hier sichern!

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