Barrierefreiheit im Netz – warum das spätestens 2025 für das Digital Business verbindlich wird [5 Lesetipps]

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Quelle: Viktor Forgacs | unsplash

Es ist schon ein paar Jahre her, da legte sich die Autorin dieses Textes im wahrsten Sinne des Wortes ungebremst auf die Nase. Sie geriet mit den Fahrradreifen in Straßenbahnschienen und küsste den Asphalt: Trotz Helm war ein Schneidezahn futsch, das Gesicht voller Schürfwunden und die eine Kniescheibe und der andere Fuß kaputt. Autsch.

Das bedeutete erst Rollstuhl, dann Krücken – und weiterstudieren zu einer Zeit, in einer Stadt und an einer Universität, in der Barrierefreiheit oder digitales Lernen noch nicht existierten. Es bedeutete aber zum Glück, nicht dauerhaft eingeschränkt, auf Barrierefreiheit angewiesen zu sein. Wie ist das heute? Warum ist barrierefrei viel mehr als der stufenlose Zugang zu einem öffentlichen Gebäude? Was gilt es für das E-Business zu beachten und was hat eine Europa-Richtlinie damit zu tun? Viele Fragen, wichtige Fragen. Wir versuchen eine Annäherung – in fünf verständlichen Punkten und mit fünf weiteren Lesetipps.

Barrierefreiheit: Früher oder später betrifft es alle

1. Was ist eine Behinderung und wen betrifft sie?

Keine Woche ist es her, da sprachen wir auf der Handelskraft Konferenz 2022 über Divers-IT, über Diversität in der IT-Branche. Diversität ist sehr vielfältig. Nicola Baumgartner, Gründerin des Tee-Unternehmens Shuyao zeigte in ihrem Konferenzbeitrag beispielsweise, dass die Inklusion von Menschen mit Behinderung definitiv für Diversität im Arbeitsalltag eines Digital Business sorgt. Aber wie gelingt die Inklusion von Menschen mit Behinderungen im zunehmend digitalen Alltag?

Die Zahlen zum Thema Behinderung sind frappierend: Obwohl das universelle Behinderungssymbol der Rollstuhl ist, nutzen nur fünf Prozent der Menschen mit anerkannter Behinderung weltweit einen solchen – und das, obwohl etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung, also rund eine Milliarde Menschen, eine Behinderung haben! Die Dunkelziffer ist aus vielen Gründen weit höher.

Und wer jetzt denkt, so what, ich bin jung, ich bin fit, ich bin hip: Wartet es ab! 33 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die heute in ihren Zwanzigern sind, werden noch vor der Rente lernen müssen, mit einer dauerhaften Behinderung zu leben – und ihren Job wie ihren Alltag trotzdem zu meistern: Gehörverlust, schwere kognitive Einschränkungen, Erblindung, motorische Behinderungen – die Liste ist lang.

Selbst viele Menschen, die nicht offiziell behindert sind, haben eine angeborene Einschränkung, die die Orientierung in der Netzwelt erschwert: Jede und jeder Zehnte ist rot-grün-blind. Leuchtend rote Checkout-Buttons oder grüne, Nachhaltigkeit suggerierende Elemente auf Webseiten sind für diese Menschen immer unscheinbar gräulich-braun.

2. Definition von Barrierefreiheit

Im Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen § 4 BGG steht: »Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Hierbei ist die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig.«

Ufftata, schämt euch nicht, wenn ihr das drei Mal lesen müsstet, um das Wichtigste zu begreifen: Barrierefreiheit definiert sich hier als eine soziale Dimension. Sie ermöglicht es allen Menschen, egal welchen Alters und beinahe ungeachtet des Einschränkungsgrades, gleichberechtigt, selbstbestimmt und unabhängig zu leben und an der Gesellschaft teilzuhaben. Theoretisch. Praktisch ist das gar nicht so einfach umzusetzen.

Gleichsam steigt der Druck, sich mit dem Thema zu beschäftigen – auch bzw. gerade für Unternehmen im Digital Business. Denn spätestens ab dem 28.06.2025 gilt eine neue EU-Richtlinie.

Barrierefreiheit wird verbindlich – auch digital

3. Die neue verbindliche EU-Richtlinie: das BFSG

Seit August 2021 ist es in Kraft, am 28. Juni 2025 wird es verbindlich, das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (kurz BFSG) basierend auf einer EU-Richtlinie.

2025 – das klingt noch lange hin. Aber drei Jahre, um alles, was das BFSG impliziert, auch umzusetzen, sind nicht viel. Insbesondere auf unsere täglichen Touchpoints im Digitalen hat das Gesetz Auswirkungen. Letztlich aber sollten sich alle Wirtschaftsakteure mit Barrierefreiheit genauer im Vorfeld der Deadline Juli 2025 befassen.

Mit dem Gesetz werden private Unternehmen erstmals verpflichtet, insbesondere digitale Produkte und Dienstleistungen barrierefrei anzubieten – das hat Auswirkungen auf den E-Commerce-Handel im Besonderen und auf das Webdesign im Allgemeinen. Hier ist eine weitsichtige Beratung besonders wichtig, um – ähnlich der DSGVO – teure Folgen zu vermeiden.

4. Barrierefreiheit im Digital Business

Aber wie geht das nun, Barrierefreiheit im Internet? Wo sind dort die Treppenstufen, die nicht jede oder jeder erklimmen kann? Eines vorab: Selbst für echte Profis ist es nicht leicht, dazu zu recherchieren, weil es bisher wenig konkrete Use-Cases gibt – von Informationen in verständlicher Sprache ganz zu schweigen. Alles ist sehr juristisch, sehr kompliziert und sehr ausführlich wie schwammig – kein Wunder: das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ist selbst schon eine Barriere von Wort, 32 Zeichen lang.

Deswegen gehen wir hier weniger darauf ein, was Unternehmen generell werden beachten müssen, um die Norm zu erfüllen, sondern wir konzentrieren uns darauf, vorzustellen, was User Experience Design schon jetzt so alles kann, um die Customer Journey so inklusiv wie möglich zu machen. Denn damit erfüllt man im Zweifel nicht nur komplizierte Normen, sondern erschließt sich auch neue Kundenkreise (wir erinnern uns: eine Milliarde Menschen, Tendenz steigend).

Barrierefreiheit verbessert die Benutzerfreundlichkeit für alle

5. Inklusives User Experience Design

Wenn wir aber von Möglichkeiten sprechen, ändern wir spätestens hier auch das Wording zu inklusiv statt barrierefrei. Denn das Ganze ist ein Prozess, und da ist es klüger, etwas defensiv von Inklusivität zu sprechen und sich darauf zu konzentrieren, für welche Zielgruppe man barrierefreier gestalten möchte – etwa für Sehbehinderte – als utopisch-universell von Barrierefreiheit zu sprechen.

Wer inklusiver werden möchte mit seinem Digital Business, der muss sich zunächst einmal fragen, welche Usability welche Hürden für welche Zielgruppe darstellt: Dazu zählen etwa komplexe Seitenlayouts, verpixelte Inhalte, die Vergrößerungen nicht mitmachen und unlesbar werden, schlechte Kontraste, nervige CAPTCHA-Bilder, die überprüfen wollen, ob der User ein Mensch ist (und dabei KIs trainieren), komplexe oder schwierige Formulare, zu viele Links oder Navigationselemente, …. auch diese Liste ließe sich fortsetzen.

Ein auf barrierefreies Design beziehungsweise moderne Usability ausgerichtetes UX-Audit kann hier schon viele Pain Points offenlegen und dabei helfen, Dinge nachhaltig zu verbessern – im Übrigen verbessert sich so garantiert auch einiges für User ohne Einschränkungen!

Gemeinsam kann man dann eine Strategie entwerfen, um die oben genannte EU-Richtlinie beziehungsweise das BFSG zu erfüllen, den entsprechenden DIN ISO-Normen für inklusive Gestaltung gerecht zu werden und die Empfehlungen der Web Accessibility Initiative umzusetzen und etwa Screenreadern die optimale Arbeit zu ermöglichen. Hier gibt es viele Beispiele im Code, die sich bei einem ohnehin geplanten Relaunch oder einer Migration intelligent umsetzen lassen – so wie dies etwa unser Kunde bofrost* getan hat, unser erster Lesetipp!

5 Lesetipps:

Relaunch in barrierearmem Design – bofrost* [dotSource.de]

Der Gesetzestext in seiner ganzen Pracht [buzer.de]

Warum digitale Barrierefreiheit als Teil der User-Experience behandelt werden sollte [Digitale Welt]

Inklusion im WWW – ein Leitfaden [Uni Bamberg]

Mit 4 einfachen Kniffen zu mehr Barrierefreiheit für die eigene Website  [t3n]

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