Schulcloud & Distanzunterricht im Pandemiemodus: Distanz ja, Unterricht NEIN! [Kommentar]

Schulcloud Distanzunterricht
Schulcloud Distanzunterricht Premiere bei Sam und seinen Kindern

Seit fast einem Jahr haben die Corona-Pandemie und alle damit verbundenen Einschränkungen unser aller Leben fest im Griff. Je nachdem, in welcher Branche man arbeitet und wie gut der Arbeitgeber auf die neuen digitalen Herausforderungen reagiert hat, ist die Grenze zwischen beruflichem und privatem immer mehr verschwommen. Für viele sind die eigenen vier Wände inzwischen weit mehr als nur ein Rückzugsort nach Feierabend: Büro, Spielraum für Kleinkinder und natürlich auch Klassenzimmer.

Schulcloud und enttäuschte Hoffnungen

Die aktuellen Entwicklungen, allen voran die Virus-Mutationen aus Großbritannien und Südafrika, geben mehr als genug Grund zur Annahme, dass dieser Zustand noch einige Wochen (oder gar Monate) anhalten wird und die damit verbundenen Auflagen noch deutlich verschärft werden.

Wie gut, dass uns nach den Winterferien zumindest die Lehrer beim Homeschooling unterstützen. Jedenfalls in der Theorie. Distanzunterricht heißt das Zauberwort, das schon seit geraumer Zeit durch die Medien geistert und vermutlich bei nicht wenigen Eltern die Hoffnung geweckt haben dürfte, dass nun der Unterricht (wenn auch digital) wieder von Lehrern übernommen wird. Die Realität, die uns nach dem Jahreswechsel recht schnell wieder eingeholt hat, zeigt allerdings ein vollkommen anderes Bild.

Schulcloud und Schluss mit Aufgabenlisten als Unterrichtsersatz?

Über den Beginn der Pandemie, den Wechsel ins Homeoffice und die Schließung der Schulen, hatte ich bereits geschrieben. Regelrecht romantisch verklärt liest sich dieser Blogbeitrag für mich nach fast einem Jahr.

Und auch wenn meine beiden Kinder zwischenzeitlich immer mal wieder im Zwei-Wochen-Rhythmus, halbtags und / oder stundenweise in der Schule waren, so fühlt sich das Lernen und Lehren in den eigenen vier Wänden doch schon erschreckend alltäglich an.

Zu allem Überfluss bestand der Schultag ohne Schule bis zu den Winterferien ausschließlich darin, Aufgabenlisten abzuarbeiten. Doch nun sollte ja alles anders und besser werden. Schließlich hatte man auch in Thüringen weder Kosten noch Mühen gescheut und in die Entwicklung einer Plattform investiert, die besagten Distanzunterricht ermöglichen sollte.

Schulcloud aka kollektiver Zusammenbruch der Lernplattformen

Am Montag, den 11.Januar, sollte auch für meine Kinder mit ihrem ersten Online-Unterricht eine neue Zeit anbrechen. Und da sowohl die neunjährige Grundschülerin, als auch die zwölfjährige Gymnasiastin allem Digitalen gegenüber eine gesunde Neugier mitbringt, starteten sie deutlich motivierter in den Tag als sonst.

Doch allzu lange sollte die Vorfreude auf neue digitale Wege nicht anhalten. Denn die Thüringer Schulcloud (TSC) war von Beginn an hoffnungslos überlastet.

Wie sich wenige Tage später herausstellte, war das Hasso-Plattner-Institut (HPI), das auch für Niedersachsen und Brandenburg ähnliche Plattformen entwickelt hat, Ziel eines Hackerangriffs geworden. Dass sich die meisten Thüringer Schüler auch in den folgenden Tagen nicht einloggen oder gar einer Videokonferenz beiwohnen konnten, hatte allerdings noch ganz andere Ursachen.

Schulcloud & Distanzunterricht: Die Probleme liegen tiefer

Kritik an der Thüringer Schulcloud wurde schon vor den Weihnachtsferien laut. Denn auch ohne die Nutzung der Videochat-Funktion schien das System den Anforderungen bei Weitem nicht gewachsen zu sein.

Selbst das Hoch- und Runterladen von Dokumenten wurde für viele Schüler (und auch ihre Eltern) zu einer echten Geduldsprobe. Erschreckend deutlich bemerkbar machten sich die fehlenden Serverkapazitäten an besagtem Montag, als sich zur schulischen Prime Time tausende Thüringer Schüler in ihren digitalen Unterricht einwählen wollten. Denn leider fehlt der Thüringer Schulcloud der wichtigste Pluspunkt, den man von einem System in der Cloud erwartet: Die Skalierbarkeit.

Schulcloud & Online-Elternabend

Vom Funktionsumfang des Videochat-Tools »Big Blue Button« durfte ich mir bei meinem ersten Online-Elternabend selbst ein Bild verschaffen. Anders als am Vormittag funktionierte das Tool am Abend und in kleiner Runde auch überraschend stabil.

Meine Frage an die Klassenlehrerin, ab wann wir denn mit regelmäßig stattfindenden Online-Unterricht rechnen dürften, entlockten allerdings nicht nur ihr, sondern auch dem anwesenden Mathelehrer nur ein müdes Lächeln. Das sei unter diesen technischen Voraussetzungen gar nicht möglich. Mehr als zwei Stunden habe die Mathestunde, die auf 45 Minuten angelegt war, gedauert.

Immer wieder seien die Schüler aus dem Video-Call geflogen und hätten sich nur mühsam oder gar nicht wieder einwählen können. Ähnliche Probleme (wenngleich auch nicht im gleichen Umfang) waren auch während des Elternabends zu beobachten.

Schulcloud und Datenschutz

Angesprochen auf Alternativen zur Thüringer Schulcloud konterten die Lehrer bei unserem Elternabend sehr schnell mit dem Thema Datenschutz. Die Nutzung der TSC sei verbindend für alle Schulen im Freistaat. Gängige Tools wie MS Teams oder Zoom seien keine Option, weil deren Server nicht in Deutschland stünden.

Ein interessanter Input zu diesem Thema wurde mir zwei Tage später in meine Twitter-Timeline gespült. Dort erklärte ein Würzburger Anwalt für IT-Recht, dass die Frage nach dem Datenschutz nicht allein mit dem Standort der Server abgetan werden dürfe.

Vielmehr gehe es um bestimmte Sicherheitsstandards und Verschlüsselungen. Und unter diesen Gesichtspunkten hinkten die deutschen Eigenentwicklungen selbst dem von Datenschützern oft gescholtenen Zoom deutlich hinterher, so der Anwalt. Wie sehr dieses Thema polarisiert, zeigen auch die Kommentare unter dem entsprechenden YouTube-Video.

Schulcloud & Distanzunterricht ultralight

In der ersten Woche des lange angepriesenen Distanzunterrichts hatte meine große Tochter neben der bereits erwähnten ersten zähen Mathestunde noch jeweils eine weitere Stunde Geografie und Englisch – beides über den Videochat der TSC, der diesmal erstaunlich stabil lief.

Für meine jüngste Tochter beschränkte sich der Distanzunterricht auf eine Mathestunde in einer ganz kleinen Runde. Von einem Distanzunterricht, der diesen Namen wirklich verdient, sind wir jedenfalls noch meilenweit entfernt.

Und nicht mal als Beschleuniger der Digitalisierung der deutschen Schulen kann dieses elende Virus gelten. Denn die Zahl der Schulen, die digital wirklich gut aufgestellt sind, ist nicht nur erschreckend gering, sondern hat auch wenig mit der Pandemie zu tun.

Schulcloud & Distanzunterricht: Es geht auch anders

Auf der Suche nach Erfolgsmeldungen in Sachen Distanzunterricht spuckte die Google-Suche ausgerechnet einen Artikel über eine Bremer Schule aus. Jenen Stadtstaat also, der in Sachen Bildung bislang alles andere als vorzeigbar galt. Neben 500 fabrikneuen iPads profitieren die Schüler dort über eine bereits seit 2015 funktionierende Lernplattform. Der erste Wechsel in den Pandemie-Modus im März lief dort absolut reibungslos.

Auch eine Schule in Fulda zeigt bereits, wie Digitalisierung in Schulen aussehen kann – nein, MUSS: Highspeed-Internet, gut ausgebildete Lehrer und vor allem langfristige Konzepte und Investitionszusagen.

Letztere können als Entschuldigung für die bislang verschlafene Digitalisierung an vielen anderen Schulen übrigens nicht mehr herhalten. Mehr als fünf Milliarden Euro stehen dafür für die nächsten fünf Jahre zur Verfügung.

Wie das Bundesfinanzministerium auf seiner Homepage vorrechnet, ergibt sich daraus ein Betrag von 137 000 Euro für jede der circa 40 000 Schulen in Deutschland. Umgemünzt auf die etwa elf Millionen Schüler macht das circa 500 Euro pro Nase.

Damit ließe sich rein rechnerisch für jeden Schüler ein iPad kaufen. Gelöst wäre das Problem der verschlafenen Digitalisierung an unseren Schulen aber vermutlich nicht. Denn das lässt sich, genau wie in der Privatwirtschaft nicht ausschließlich mit neuer Hard- oder Software erschlagen.

Schulcloud – Es kann doch nicht so schwer sein

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