Einzelhandel nutzt E-Commerce Trends – eine Utopie?

Verfasst am 3. April 2013 von .

Protest gegen Online-Handel

E-Commerce Protest in Kenzingen

Folgt man dem aktuellen Medien-Tenor, scheint die Lage für stationäre Händler ausweglos. Oliver Samwer zufolge werden 80% der Offline-Händler nicht überleben und viele von ihnen denken inzwischen auch so, obwohl sie vermutlich noch nie etwas von den Samwer-Brüdern gehört haben. Statt nach Lösungen zu suchen, sind sie dazu übergegangen, gegen den Onlinehandel zu protestieren und mit Maßnahmen wie der Showrooming-Gebühr auf sich aufmerksam zu machen.

Einzelhandel trifft auf E-Commerce – Happy End möglich?

Dabei drängt sich mir die Frage auf, ob wirklich schon alles verloren ist. Multichannel-Romantik beiseite, ist es wirklich utopisch zu glauben, dass gerade kleine Händler ihr Geschäftsmodell so ausbauen könnten, damit es wieder funktioniert? Sind Händler, die offline verkaufen, per se überholt?

Genauso, wie sich der Erfolg online nicht automatisch einstellt, sind stationäre Geschäfte nicht automatisch dem Untergang geweiht. MyMuesli, die aktuell eine weitere Filiale in Stuttgart eröffnen, zeigen, dass Wachstum 2013 nicht ausschließlich online möglich ist.

Nachholebedarf gibt es auf beiden Seiten

Es ist schon bezeichnend, dass beim österlichen E-Commerce Protest im Baden-Württembergischen Kenzingen ausgerechnet das Argument, die Innenstädte könnten ohne Geschäfte künftig trostlos aussehen, am meisten bekräftigt wird. Haben denn die Gewerbetreibenden nichts Anderes zu bieten? Es scheint, als kapitulierten sie vor den anspruchsvoller werdenden Kunden wie vor einer Naturgewalt.

Schließlich haben sie, im Gegensatz zu vielen Online-Startups, ein lokales Beziehungsnetzwerk, Wissen zu Produkten und deren Geschichte sowie jede Menge direkten Kundenkontakt. Hier gibt es im E-Commerce noch eine Lücke, aktuell wird daher das Thema Kundenkontakt in den Mittelpunkt gerückt.

Trends wie Lieferservices sollten lokale Händler inspirieren, statt zu verwundern. Warum machen eigentlich nur Online-Riesen in Click & Collect und Same-Day-Delivery? Wenn es dem kleinen Pizzaladen an der Ecke gelingt, ein Netzwerk von Lieferpersonal aufzubauen, schaffen es auch (ebenso kleine) Händler. Vieles ist nicht mit Größenvorteilen zu erklären. Warum werden stationär so selten Dankesgutscheine an Stammkunden verteilt, Kunden dazu ermutigt, auch mal anzurufen, wenn es eine spezielle/größere Bestellung gibt oder man eine Frage zum Sortiment hat?

Statt sich über Aktionen gegen E-Commerce das Hirn zu zermartern, wäre es gewinnbringender, sich nach dem eigenen Alleinstellungsmerkmal umzuschauen.

Extrem-Beispiel: Australiens singender Gemüsehändler

Genau das tat, um ein etwas exotisches Beispiel zu nennen, der inzwischen in den Ruhestand gegangene australische Gemüsehändler „Elvis Parsley“, der in den 90er Jahren angesichts seines schwindenden Kundenstammes seine Passion für Elvis in sein Geschäft hineinbrachte.

Elvis Parsley in seinem Geschäft "Grapes Land"

Nick Comino in seinem Geschäft

Der singende, gut gelaunte Verkäufer, der nicht an persönlichen Ständchen sparte, war ein derartiger Hit, dass Tourismusgesellschaften das Geschäft namens Grapesland auf den Routen ihrer Busse mit einplanten.

Dass sein Erfolgsgeheimnis nicht allein auf Showeinlagen basierte, lässt die Facebook-Seite erkennen. Geboten werden täglich frische, lokale Produkte und ein Lieferservice, der mit australischem Charme angepriesen wird:

Give us a call to chat about having a box of fresh produce & goods dropped to your door!

Fazit

Trotz der aktuellen Untergangsstimmung verlassen sich viele Händler noch immer auf Bewährtes und versäumen es, von Online-Strategien zu lernen und die eigenen Stärken hervorzuheben. Dabei sind viele Strategien, wie sie aktuell von den Branchengrößen vorgelebt werden, auch im Mikro-Rahmen umsetzbar.

Nicht nur im E-Commerce gibt es Nachholbedarf in Sachen Service und Kundenbindung. Auch stationäre Händler und Multichannel-Player sollten die Bedürfnisse der anspruchsvoller werdenden Kundschaft ernst nehmen.

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6 Reaktionen zu “Einzelhandel nutzt E-Commerce Trends – eine Utopie?”

  1. Peer Schmid

    Am 4. April 2013 um 13:10 Uhr

    Hallo zusammen,

    gibt doch auch schon gute Modelle, beide Systeme im Sinne des Kunden zu kombinieren:

    http://www.sellside-report.com/video/das-gaxsys-system-im-detail-erklaert

  2. Hugo

    Am 5. April 2013 um 07:15 Uhr

    Gerade click&collect und sameday (hour) delivery könnten vom lokalen Händler so schön als usp ausgebaut werden. Kann der pureplayer nämlich nicht 😉

  3. Utku Akkoc

    Am 5. April 2013 um 07:49 Uhr

    Super Artikel. Ich möchte die Off-Händler dazu animieren, mit der Zeit zu gehen, um nicht mit der Zeit „zu gehen“. Seien Sie innovativ, bieten Sie auch Gutschein-Codes ein oder andere Rabatte. Machen Sie Inhouse-Modenshows – geht mit allen Produkten- Eröffnen sie auch einen Online-Shop und kombinieren Sie beides miteinander. Laufen Sie nicht den Trends hinterher, sondern setzen Sie die Trends. Ich wünsche allen viel Erfolg es gibt immer viel zu tun packen wir
    s an!
    Utku Akkoc

  4. 10 Lesetipps der Woche für Shopbetreiber » shopbetreiber-blog.de

    Am 5. April 2013 um 13:40 Uhr

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  5. Dieter Brodbeck

    Am 5. April 2013 um 14:08 Uhr

    Die Verödung von Innenstädten ist sicher nicht ein Problem welches durch den Online-Handel entsteht. Nicht wirtschaftlich realisierbare Mieten, eine fehlgeleitete Stadtplanung und Verkehrssituation sowie die Regulierungswut mancher Stadtverwaltungen sorgen eher dafür, dass die Innenstadt an Erlebniswert verliert. Die Rechung bezahlen die Händler. Ein Onlineshop ersetzt nicht den sonnigen Nachmittagseinkaufsbummel und ist sicher nicht in der Lage die soziale Komponente “ Einkaufen“ zu ersetzen. Ungeachtet dessen, ist es richtig das der stationäre Handel auch gefordert ist:
    – der Erlebniswert muss stimmen
    – die Beratungsqualität und verkäuferische Fähigkeit sind gefragt
    – das Sortiment muss passen
    Wenn Innenstädte in ihrem Handelsangebot austauschbar werden, weil sich überall die gleichen Ketten breit machen, verlieren die Städte an Attraktiviät und der handel an Zugkraft.
    Gefordert sind Städteplaner und die Verwaltungen, wenn die Städte öde Fußgängerzonen vermeiden wollen. Da muss die Fantasie ansetzen und sich auch bei dem lokalen Händler fortsetzen.
    Wer nur behautptet, dass der Einzelhändler wegen dem Onlinehandle stirbt, sieht meineserachtens die Problematik zu einseitung und sucht einen Sündenbock für Säumnisse anderer Stellen.

  6. Stefan

    Am 23. April 2013 um 15:25 Uhr

    Das Zauberwort heißt ganz klar Cross-Channel Commerce! Außerdem wünschen sich die Kunden eine ansprechendere Gestaltung des Produktangebots und Erlebnisorientierung wird für den Online-Einkauf immer wichtiger.

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