Face Recognition: Gruseltechnologie oder Tor zur neuen Payment-Welt?

Gesichtserkennung Suchmaschine
Quelle: Pixabay

Man stelle sich vor, man sitzt in der Straßenbahn und die gegenübersitzende Person macht heimlich ein Foto. Innerhalb von Sekunden kennt sie deinen vollen Namen, weiß, wo du arbeitest, wo du wohnst und wer deine Freunde sind. Klingt erschreckend, oder? Genau das ist aber mit PimEyes, einer kostenlosen Gesichtserkennungssuchmaschine praktisch möglich.

Ist damit das Ende der Anonymität besiegelt? Und gibt es sinnvolle Anwendungsszenarios, etwa beim Online-Shopping?

Face Recognition – Nach ClearView folgt PimEyes

Anfang des Jahres hat bereits das amerikanische Startup ClearView AI mit einer Suchmaschine für Gesichter für einen großen Aufschrei gesorgt. ClearView AI lässt sich wohl von über 600 Behörden, wie dem FBI und etlichen Polizeidienststellen, aber auch privaten Unternehmen für seine Software bezahlen.

Die Funktionsweise von PimEyes ist identisch. Der einzige große Unterschied ist, dass die Suchmaschine aus Polen für jedermann zugänglich ist. Man lädt ein Bild hoch und der Dienst durchsucht seine Datenbank nach Fotos mit diesem Gesicht. Als Ergebnis erhält man dann zwar nicht direkt einen Namen, aber Fotos der erkannten Person mit Verweisen zu dessen Ursprung. Der Name und weitere Informationen lassen sich dann oft leicht herausfinden. Damit ist das Missbrauchspotenzial durch Stalker sehr hoch.
Recherchen von netzpolitik.org haben ergeben, dass die Suchmaschine die biometrischen Daten von ca. 900 Millionen Gesichtern in seiner Datenbank gespeichert hat. Dabei greift sie nicht nur auf das öffentliche Netz, sondern auch auf Facebook, Instagram und YouTube, die derlei Abfischen von Daten in ihren AGBs eigentlich verbieten. Tatsache ist, dass jeder von dem es ein Foto im Netz gibt, mit gar nicht so geringer Wahrscheinlichkeit auch in der Datenbank enthalten ist.

Netzpolitik.org spricht gar von der Abschaffung unserer Anonymität. Auch die Politik ist auf den Plan gerufen und spricht sich für strenge Regulierungen aus. Denn vermutlich untergräbt PimEyes geltende Datenschutz-Gesetze. Laut DSGVO ist die Verarbeitung biometrischer Daten zur eindeutigen Identifizierung einer natürlichen Person nicht erlaubt.

Face Recognition ist keine neue Technologie

Gesichtserkennung ist an sich nichts Neues. Sie findet bereits Einsatz bei der NSA, dem FBI, der chinesischen Regierung und etlichen Tech-Konzernen, wie Google und Facebook.

Die Technologie konnte in den letzten Jahren durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz massiv weiterentwickelt werden. Durch die KI ist es z.B. auch möglich, Personen bei veränderten Gesichtsmerkmalen wie Bart oder Sonnenbrille zu erkennen. Trotz alledem kann die Technologie noch keine 100-prozentige Treffsicherheit garantieren, was aber vermutlich nur noch eine Frage von ein paar Jahren ist.

Doch nicht nur aufgrund von ClearView AI und PimEyes steht Gesichtserkennung momentan in der Kritik. Im Zuge der weltweit ausgelösten Rassismus-Debatte haben Unternehmen, wie IBM angekündigt, keine Technologien zur Gesichtserkennung mehr zu entwickeln und zu verkaufen, da diese missbräuchlich für Racial Profiling verwendet werden können.

Realistisch betrachtet wird aber weder die Entscheidung einiger Unternehmen diesen Bereich nicht weiter zu verfolgen noch ein mögliches EU-Verbot von PimEyes & Co zu einem Begräbnis der Technologie führen.

Face Recognition im Business-Kontext

Es stellt sich die Frage, ob es trotz aller Bedenken auch sinnvolle Anwendungsgebiete für Gesichtserkennung gibt.

Potenzial besteht etwa beim Zahlungsverkehr. PINs oder Passwörter bieten oft nur einen unzureichenden Schutz und lassen sich durch gezielte Hacker-Angriffe relativ leicht herausfinden. Durch eine entsprechende Verifizierung mit dem eigenen Gesicht könnten derlei Angriffe und Betrügereien deutlich erschwert werden und zu mehr Sicherheit führen.

In China lässt sich über den Service »Smile to Pay« in Geschäften mit dem Gesicht bezahlen. Man muss dafür kein Handy oder eine Karte dabeihaben. Entwickelt wurde der Service von AntFinancial, einem Tochterunternehmen des E-Commerce Giganten Alibaba. Auch dieser Einsatz wäre angesichts europäischer Datenschutzwerte und Gesetze aber wohl nicht möglich.

Anders sieht es mit FaceID von Apple aus. Die Gesichtserkennung des Herstellers ist eine Kombination aus Hard- und Software, die zum jetzigen Stand schon in vielen seiner Geräte verbaut ist. FaceID gleicht das Gesicht dabei nämlich nicht mit einem Server ab, sondern nutzt dafür ein mathematisches Modell und einen speziellen Chip auf dem Gerät selbst, der keinen Zugriff von außen zulässt. Mit FaceID lässt sich bereits mit dem Payment-Service Apple Pay lokal in Geschäften als auch online bezahlen. Einige Payment-Service-Provider, wie Heidelpay oder Stripe haben den Service integriert.

Im Internet lässt sich personalisierte Werbung durch den Einsatz von Cookies oder anderen technischen Methoden schalten. Im lokalen Retail-Geschäft sieht es da schon schwieriger aus. Die Supermarktkette Real hat in 40 Filialen die Gesichter ihrer Kunden mit Kameras analysiert. Erfasst wurden unter anderem Geschlecht und Alter, um dann auf Werbebildschirmen personalisierte Reklame anzuzeigen. Nach Protesten der Kunden und drohender Anklage durch Datenschützer beendete Real den Test allerdings.

Face Recognition und andere KI-Best Practices

Künstliche Intelligenz Use CasesKünstliche Intelligenz findet aber natürlich nicht nur bei Gesichtserkennung ihren Einsatz. Bei einer Vielzahl von Anwendungsfällen kommt sie schon zum Tragen. Welche das sind, erfährst du im aktuellen Whitepaper »Künstliche Intelligenz – 25 Use-Cases, um mit KI erfolgreich zu sein«.

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