Die virtuelle Anprobe löst das Retourenproblem im Fashion-Versandhandel

Verfasst am 29. Januar 2013 von .

Eine der Problemzonen des Fashion-Versandhandels sind die Retourenquoten. Passt nicht, gefällt nicht, sieht anders aus als abgebildet – um Zeit und Nerven zu sparen und die Trefferquote zu erhöhen, bestellen Kunden häufig dasselbe Kleidungsstück in mehreren Größen. Der Rest geht anschließend zurück, bei Nichtgefallen sogar alles. Hier gewinnt keiner, den Händlern enstehen Kosten und die Kunden macht der Mehraufwand auch nicht glücklicher. Zalando ist für Retourenprobleme wohl das prominenteste Beispiel.

In der Vergangenheit hat der Versandhandel bereits durch Kundenservice, bessere Beschreibungen, Fotos, vereinzelt auch durch Videos sowie Kundenbewertungen reagiert und so die Attraktivität des Onlineshoppings erhöht. Am Ausgangsproblem änderte das allerdings wenig.

Seit ein paar Jahren ist ein regelrechter Wettbewerb ausgebrochen, das Problem endlich bei der Wurzel zu packen und auf möglichst elegante Art zu lösen. Grundidee ist dabei, die individuellen Körpermaße der Kunden zu berücksichtigen, damit diese das passende Outfit finden, ohne raten zu müssen, wie die Kleidung vermutlich ausfallen wird und welche Größe die richtige für sie ist.

Verschiedene Ansätze bei der virtuellen Anprobe

Inzwischen kristallisiert sich eine Spitzengruppe aus diesem Wettbewerb heraus, die ersten virtuellen Anprobe-Tools sind in vereinzelten Shops schon im Einsatz. Die Ansätze und Technologien sind dabei recht unterschiedlich.

Shoefitr ScreenshotSie beginnen bei Konfiguratoren wie dem »Jeans Finder« von Macy‘s, bei dem man nicht nur nach Größe, sondern auch nach Stil und Anlass stöbern kann. Die Schuh-App »Shoefitr« orientiert sich an Schuhmodellen, die der Kunde bereits besitzt und die gut passen. Anhand der Maße der Referenzschuhe, die bereits im Shop vorhanden sind, schlägt die App Schuhe mit ähnlichen Maßen vor. Der Fußballversand SoccerPro.com setzt Shoefitr bereits sehr erfolgreich ein.

Etwas mehr ins Detail gehen die Kalifornier von Fitiquette, bei denen der Kunde seine Körpermaße eingibt und ein Modell seiner selbst erstellt. Diese virtuelle, persönliche Ankleidepuppe probiert dann die Kleidung in verschiedenen Größen an. Hier können auch gleich Kombinationen erprobt und ganze Outfits zusammengestellt werden. Denn nicht nur sitzen soll es, sondern auch zueinander passen.

Perfektes Abbild durch Körpervermessung

Das Berliner Unternehmen UPcload bietet eine Technologie an, mit welcher der Körper per Webcam vermessen wird. Die Maße werden gespeichert und sind in allen teilnehmenden Onlineshops nutzbar. Sie bilden in diesen Shops die Grundlage für die angezeigten Größen. Manuelles Einstellen der Größen ist passé, sie müssen nur geändert werden, wenn sich die Körperform nennenswert verändert. Otto.de testet die Technologie von UPcload bereits seit August 2012 an der Young Fashion Marke »Melrose«.

Virtuelle Anprobe bei UPcload

Do it Yourself – Körpervermessung bei UPcload

Neben dem Messverfahren können die Kunden auch anhand von Fragen zu ihrem Körperbau und Größenangaben Vorschläge erhalten, die dann allerdings nicht so punktgenau sein können.

Die Evolution der virtuellen Anprobe: Von der digitalen Ankleidepuppe zum personalisierten Ankleideraum

H&M bieten bereits seit 2008 die Möglichkeit an, die Kleidung in einem virtuellen Ankleideraum von allen Seiten zu betrachten und Outfits vorab zu erstellen.

Der H&M Ankleideraum

Virtueller Ankleideraum bei H&M – noch mit virtuellen Models

Durch die Zugabe der eigenen Körpermaße, zum Beispiel durch die Technologie von Fitiquette, könnte sich diese attraktive Funktion zum unfehlbaren Größenberater mausern.

Passgenaue Messung vs. ungeschminkte Wahrheit

Noch steht aus, was beim Kunden besser ankommt: passgenaue Empfehlungen dank Körpervermessung oder die unkomplizierte Angabe von Eigenschaften bzw. der Verweis auf schon vorhandene Lieblingsstücke.

Die Vorstellung, die eigene Figur in 3D zu sehen, könnte jedoch eher abschreckend als einladend wirken. Wie viele Menschen explizit per Wärmebild auf ihre Problemzonen hingewiesen werden möchten, wie es mit der Technologie von Styku via Kinect möglich ist, ist fraglich.

Virtuelle Anprobe und Body Scanning Technologie Styku

Virtual fitting room bei Styku – inklusive Wärmebild

Ebenso könnte das Thema Datenschutz Bedenken auslösen. Dies lässt vermuten, dass auf Vermessung verzichtende Methoden erst einmal Vorrang haben werden. Dass Kunden die Körpervermessung aufgrund der passgenaueren Ergebnisse (und der damit einhergehenden Zeitersparnis) bevorzugen werden, ist auf längere Sicht ebenso denkbar.

Fazit

Fest steht, dass die Kundenansprüche, was Service und Größenberatung betrifft, ständig steigen. Der Onlineshopper der Zukunft möchte schon vor der Bestellung wissen, wie die Kleidung sitzt und was dazu passt. Im Bereich Fashion wird es zukünftig nicht nur auf Sortiment, Optik und Usability ankommen, sondern vor allem darauf, wo der Kunde die am besten
passende Mode bekommt und welche Methode der Größenermittlung ihm dabei am meisten zusagt.

Das Einkaufserlebnis steht im Vordergrund, dazu gehört auch die Style-Beratung und Hilfe beim Finden der richtigen Größe. Shops, die keinen der dafür geeigneten Services anbieten, könnten bald das Nachsehen haben.

Handelskraft 2013

Handelskraft 2013 ThumbnailDieser Artikel stammt aus unserem Trendkompass Handelskraft 2013, der auf unserer Webseite kostenlos heruntergeladen werden kann.
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Kategorie: Fashion


4 Reaktionen zu “Die virtuelle Anprobe löst das Retourenproblem im Fashion-Versandhandel”

  1. Christian Grötsch

    Am 29. Januar 2013 um 18:40 Uhr

    Ich glaube nicht das das Retourenproblem dadurch gelöst wird. Selbt wenn man die Maße des Kunden hat so hat man noch lange nicht die der Kleidung….

    Insofern ist es ausichtslos, wobei Shoefitr zumindest für Schuhe ein Ansatz sein könnte.

  2. 10 Lesetipps der Woche für Shopbetreiber » shopbetreiber-blog.de

    Am 1. Februar 2013 um 16:35 Uhr

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    Am 8. Februar 2013 um 17:50 Uhr

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  4. Einen an der Pfanne

    Am 7. März 2013 um 14:54 Uhr

    Gerade hier wird deutlich, dass die guten alten lokalen Läden niemals aussterben werden. Es ist unmöglich die Passform eines Kleidungsstücks über das Internet zu erahnen. Auch die Größenangaben und dergleichen finden nur dann Anwendung, wenn man das Produkt bereits im Vorfeld angezogen hat oder die Marke kennt. Sparen lässt sich trotzdem nicht wirklich. Die Online-Händler lassen sich ihr Geschäft kräftig bezahlen und sollten lieber den Mund halten, wenn mal etwas Retour geht.